Der Ochsenweg

 

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Der Ochsenweg

Noch heute findet man in Schleswig-Holstein Straßen und Wege mit den Namen „Ochsenweg“.

Der Name selbst wird zum erstenmal 1588 in der sog. Pinneberger Landtafel des Daniel Frese genannt und leitet sich von den Ochsentriften ab, die seit dem 14. Jahrhundert und noch in der frühen Neuzeit durch Jütland zu den großen Märkten im Süden des Landes stattfanden. Von hier brachte man die Tiere zur Mast auf die fetten Weiden der Marschen, oder setzte sie nach Niedersachsen über, um sie weiter bis ins Rheinland und bis nach Holland zu treiben.

(Auf dem „Ochsenweg“ hat Marx Hinrich Misfeld (12348) zusammen mit  dänischen Treibern Vieh bis zu den Elbmarschen getrieben. Die guten Kontakte zu den Treibern aus Dänemark veranlaßten Marx Hinrich Misfeld auch, dort seßhaft zu werden.)

Die Ochsentriften halfen den steigenden Nahrungsbedarf der Städte in Westdeutschland und den Niederlanden zu decken, da die dortige Landwirtschaft dazu allein nicht in der Lage war. Man importierte daher auch Schlachtvieh aus weit entfernten Gegenden.

Die hohe Zeit der Ochsentriften war das 16. Und 17. Jahrhundert. Aus Aufstellungen am Wege liegender Zollstellen sind wir über die Kapazitäten der Triften unterrichtet: Zur Haupttriftzeit im Frühjahr wurden bis zu 50.000 Ochsen registriert.

Veränderungen im Wirtschaftsgefüge und der Bau der Eisenbahn brachten die Ochsentriften dann um die Mitte des letzten Jahrhunderts zum Erliegen.

Die Viehtriebe nutzten einen älteren Fernweg. Schon seit der Jahrtausendwende berichteten Chronisten von Kriegszügen, die auf „dem großen Landweg“ stattfanden. Dänische Forscher haben daher den Namen „Heerweg“ (Hærvej) geprägt, eine Bezeichnung die sich auch in Schleswig-Holstein gelegentlich findet.

Es gilt heute als sicher, daß sich der „Heerweg“ und der „Ochsenweg“ vom Trassenverlauf entsprechen.

Bis zum 16. Jahrhundert war der „Ochsen-“, bzw. „Heerweg“ aber auch ein Pilgerweg. Denn mit der Christianisierung der nordischen Welt im 10. und 11. Jahrhundert setzten Pilgerreisen zu den heiligen Stätten der Christenheit in Rom, Jerusalem und Santiago de Compostella ein. Der um 1150 verfaßte Pilgerbericht des isländischen Abtes Nils Sæmundarson verrät uns dabei den Weg über die Halbinsel Jütland: Die von ihm genannten Orte liegen allesamt am alten Fernweg. Zahlreiche Stätten künden noch heute aus dieser Zeit, die mit der Reformation ihr Ende fand.

Vorgeschichtliche Denkmäler belegen, daß der „Ochsen-“, bzw. „Heerweg“ in noch älterer Zeit bereits als Fernweg bekannt war.

Besondere Beachtung findet hier in der Forschung, daß ihn häufig, wie an Perlschnüren aufgereiht, Grabhügel der älteren Bronzezeit (1.700 – 1.000 v. Chr.) flankieren. Auch hier spricht die archäologische Fundsituation für einen funktionierenden Land-Fernweg zu jener Zeit.

Da es im nordischen Kreis keine für die Bronzeherstellung nötigen Rohstoffe gab, mußten diese – vornehmlich Kupfer und Zinn – aus weit entfernten Regionen herangeführt werden. Für die jütische Halbinsel kommt zu jener Zeit eigentlich nur der „große Landweg“ in Frage.

Der alte Fernweg war bis zur ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine unbefestigte Piste, deren Lauf sich je nach Zustand und Anforderung ändern konnte. Zur Unterscheidung eines anderen, im Bereich der Westküste des Landes verlaufenden Altwegezuges ist heute auch die Bezeichnung „östlicher Heerweg“ üblich. Trotz der Vielzahl der beschriebenen Bezeichnungen für den Weg wollen wir es im folgenden bei dem Namen „Ochsenweg“ belassen.

Faßt man zusammen, so wird rasch deutlich, daß dem „Ochsenweg“ eine zentrale Bedeutung bei der Herausbildung heutiger Siedel- und Verkehrsverhältnisse in Schleswig-Holstein und Dänemark zukommt.

Eine Wanderung auf seinen Spuren ist damit mehr als nur das Beschreiten oder Befahren eines Altweges, es ist auch das Erleben der kulturhistorischen Wirbelsäule Norddeutschlands und Südskandinaviens.

 

 

  

Der Pfad der Ochsen.

Kuhhörner aus Holz mar- kierten den Pfad, auf dem einst in Schleswig-Holstein das Vieh nach Süden getrie- ben wurde. Die historische Route wird derzeit als Rad-Wanderweg restauriert.
Rinder wandern auf dem Seestermüher Deich. Der historische Ochsenweg führt 500 Kilometer durch Schleswig-Holstein. Die Trift der wertvollen Ochsen lief vom dänischen Viborg aus schon seit dem 14. Jahrhundert.

"Der kleine Hohlweg an der Grenze zu Dänemark führt durch eine idyllische Landschaft: eine Allee, blühende Rapsfelder zur Linken, satte Wiesen zur Rechten, auf denen sich ein paar Ochsen tummeln. Sie mögen Nachfahren jener Tiere sein, die im 16. und 17. Jahrhundert auf dem kurzen Pflasterstück, das gerade restauriert wird, entlanggetrieben wurden.

Wir stehen auf historischem Boden, einem Teilstück des rund 500 Kilometer langen Ochsenweges, der quer durch Schleswig‑Holstein bis nach Dänemark hinein führt; eine ebenso bedeutende Handelsachse wie die Weinstraße. Heute ist dieser Triftweg als Radstrecke ausgewiesen ‑ eine Tour von Nord nach Süd, auf den Spuren der Geschichte.
"Historie ist immer die Historie von Wegen", sagt Bernd Zich (51). Der Archäologe ist Geschäftsführer der vor vier Jahren gegründeten Arbeitsgemeinschaft Ochsenweg in Schleswig, die sich um den Erhalt der alten Triftstraße bemüht. Zurzeit leitet er drei Ausgrabungen entlang der alten Route. Außerdem wird in allen 50 Ochsenweggemeinden das Symbol der Straße aufgestellt: Zwei riesige gekreuzte Ochsenhörner. Acht Doppelhörner stehen schon.

„Das Frühjahr war die Zeit der großen Ochsentrift", erklärt Zieh das Geschehen vor rund 400 Jahren. 10.000 bis zu 50.000 Tiere wurden innerhalb von vier Wochen vom dänischen Viborg an die Elbe getrieben, um von dort nach Holland, Belgien oder ins Rhein‑Main‑Gebiet verschifft zu werden“. Auch Schleswig‑Holsteins Adel verdiente, an den preiswerten Ochsen: alle 20 Kilometer sind Reste alter Zollstationen zu finden. Am Ziel in Wedel wurde ein Teil der Ochsen auf Märkten verkauft, andere fraßen sich verlorene Pfunde auf den Marschweiden wieder an.

So weit sind wir noch nicht. Zwischen Harrislee und Wedel liegen rund 200 Kilometer Ochsenweg, Über gewundene Alleen führt der Weg Richtung Flensburg. Kurz vor Oeversee liegt die zweite Ausgrabungsstelle: Unter einem 500 Jahre alten Weißdorn liegt das jungsteinzeitliche Gräberfeld von Munkwolstrup, das schon in den Aufzeichnungen der Ochsentreiber als Orientierungspunkt erwähnt wurde.
Überall entlang der Strecke gibt es Ochsenkrüge wie jenen in Oeversee. Schließlich dauerte die Trift etwa so lange, wie man heute per Rad durch die von der Eiszeit geprägte Landschaft fährt: gut zehn Tage. Die meisten alten Gasthöfe sind noch in Betrieb.

Auf dem Weg nach Süden sind immer wieder gut erhaltene Teilstücke der einst unbefestigten Straße zu entdecken: in Lürschau oder bei Schuby führen sandige Pfade durch Feld und Wald. Beim Örtchen Dannewerk findet sich das größte archäologische Denkmal Nordeuropas ‑ die dritte Ausgrabungsstelle der Arbeitsgemeinschaft Ochsenweg. Der um 650 errichtete, 30 Kilometer lange Danewall markierte bis 1200 die dänische Grenze.

Nach dem Danewerk mußten die alten Ochsentreiber durch die Kropper Heide, das schwierigste Teilstück. An einem Ochsenkrug steht noch die Warnung: „Du Büs Kropper Busch noch ni vörbi“. Dafür gibt es zwei Interpretationen: Einmal die Meinung, daß hier viele Wegelagerer und Diebe lauerten. Zum anderen ist der sandige Weg durch die Heide für Ochsenkarren wie für Fahrräder eine Herausforderung.

Das Örtchen Kropp war vor 400 Jahren ein wichtiger Marktflecken. Jetzt hat die Gemeinde 55 lebensgroße Plastik‑Ochsen von Geschäftsleuten und Künstlern bemalen lassen. Die bunten Tiere sollen im nächsten Jahr in mehreren Orten entlang des Triftweges zur längsten Dauerausstellung der Welt werden und den Ochsenweg promoten.

Südlich von Kropp kamen die Ochsentreiber unweigerlich nach Rendsburg. Im alten Zollhaus in der Innenstadt wurde jeder, der nicht schon in Schleswig seine acht Schilling Wegezoll gezahlt hatte, zur Kasse gebeten. Deshalb nahmen manche Händler den Weg über die Eiderfurt und schmuggelten ihre Ochsen am Staat vorbei, um, dann bei Schülp wieder auf den Hauptweg zu treffen. Für Radfahrer ist diese Route an den schilfbewachsenen Ufern der Eider die weitaus schönere.

Kurz danach teilt sich die Strecke. Eine Achse führt über Neumünster und Bad Bramstedt, die andere über Itzehoe und Elmshorn. Wer den westlichen Weg wählt, findet in Jahrsdorf ein besonderes Kleinod: ein noch erhaltenes Stück des alten Pflasterweges und eine alte Viehtränke aus Stein. Durch das waldige Teilstück zwischen Spannan und Legan zieht sich im Westen eine überwachsene Wegedüne ‑ das Ergebnis vieler Hufe, die den Boden so lockerten, daß er sich zu einer Sandaufwehung auftürmte..

Wer im Osten parallel der Bundesstraße 205 Richtung Nortorf fährt, findet kurz hinter der Abzweigung vor Gnutz deutliche Spuren des Ochsenweges: Auf einigen hundert Metern inmitten eines geschützten Heidegebiets ist eine breit ausgetretene Spur zu sehen. In Krogaspe heißt eine kleine Nebenstraße „Ossenpadd“ ‑ eine von vielen mit diesem Namen. Hier diente der heutige Feuerlöschteich als Ochsentränke. Flurnamen wie „Wedel kam“ und „Wedelwiesen“ weisen auf Wedel, das jüngere Wort für Furt hin.

Neumünster war eine weitere wichtige Zollstelle. Gleichzeitig wurde hier ein lebhafter Ochsenhandel betrieben, nachdem die Rinder über den heutigen Kuhberg gezogen waren. „Den 17ten begann ich eine 2te Reise, nämlich mit 6 Ochsen nach Neumünster. Diese Tour bleibt ihrer Unangenehemlichkeit halber noch lange im Gedächtniß, denn ein Regen aus dem Osten, nebst Sturm begleitet, hatte man gerade entgegen. Und ich konnte abends eine menge Wasser aus beiden Stiefeln gießen...“, heißt es in den Aufzeichnungen des Bauern Hans Jakob Johannssen, der sich 1838 mit seinem Vieh von Dithmarschen auf den Weg nach Neumünster machte.

Die Trasse entlang, der Bundesstraße 4, der ersten gepflasterten Fernverkehrsstraße Schleswig‑Holsteins aus dem Jahre 18 3 1, ist gut erkennbar. Die kleine Allee lädt zum Durchatmen ein, unter schattigen Bäumen lädt einige wenige Meter südlich von Wittorferfelde ein kleiner Birkenhain zur Rast ‑ wie es die Ochsenhändler im 17. Jahrhundert taten.

Um Brokenlande verliert sich der Ochsenweg, ist zugewachsen oder unter Feldern verschwunden. Zu den wenigen Spuren zählen nahe der Autobahnauffahrt Großenaspe die Überreste einer Steinbrücke aus dem Jahre 1728 hier überquerten die Viehhändler aus dem Norden den „Amtsgraben“.

Deutlicher sind die Spuren des Ochsenhandels, wenn man in Bad Bramstedt angelangt ist. Der Roland auf dem Bleeck, dem Ochsenmarkt, besiegelte alle per Handschlag im Stein­kreis um die Figur geschlossenen Bündnisse.

Wer diesen Handel nachvollziehen will, fährt weiter, vorbei an Horst, dem alten Ochsenrastplatz, durch die Straßen „Ossenpadd“ in Uetersen und Pinneberg bis hinunter zur Elbe. In Wedel, wo ebenfalls ein Roland den Marktplatz ziert, symbolisiert eine. weitere Figurengruppe den Ochsenhandel. Von hier aus wurde das Vieh verkauft und dann über die Elbe verschifft.

Die Marschweiden sind noch heute Futterplatz für Ochsen, die sich für die Herbstschlachtungen dick und rund fressen.


Horst Missfeldt


Information:

Horst Missfeldt, Tlf: 04504-1580