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Erinnerungen aus dem Urwald |
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Erinnerungen aus dem Urwald von
Brasilien Erlebt
von Willi Misfeldt (Stamm Eckhof 7060). – Geschrieben ca. 1935 –
Wir sind am 12. Mai 1912 von Kiel aus ausgewandert mit Vater (Friedrich 7036), Mutter (Emma 7037), 2 Brüdern (Paul 7059, Ernst 7058) und einer Schwester (Erika 7057). Wir fuhren mit der Bahn über Hamburg nach Amsterdam, von dort am 15. Mai mit dem holländischen Dampfer „Hollandia“ nach Brasilien. In 20 tägiger Fahrt waren wir in Rio de Janeiro. Die Fahrt war sehr schön, es war sehr ruhiges Wetter und es gab gute Beköstigung. Seekranke gab es nur sehr wenig. In Rio kamen wir auf die Blumeninsel, es war am 4. Juni 1912. Hier wurden wir eine Woche von der brasilianischen Regierung verpflegt. Das Essen war hauptsächlich schwarze Bohnen und Reis. Von der Blumeninsel fuhren wir mit einem Küstendampfer, die „Iris“, in 5 Tagen nach Florianopolis (estado de Santa Catharina) d.h. im Staate Santa Catharina. Es war am 15. Juni. Der Dampfer war in Kiel erbaut aber sehr alt und vernachlässigt. Die Beköstigung war schlecht, und sauber wurde überhaupt nicht gemacht. Es sah auf Deck aus wie in einem Schweinestall, man konnte sich fast nicht bewegen, denn die Deutschrussen, die auch mitfuhren, lagen kreuz und quer auf Deck, hatten sich übergeben und noch etwas, was man hier nicht beschreiben kann. Die Meisten waren seekrank. Unsere Mutter war auch seekrank und hat nicht viel von der Seereise gehabt. Vater und Geschwister haben sich gut gehalten. Kurz vor Florianopolis habe ich mich auch fürchterlich übergeben, denn oben auf einer Kajüte lag ein Mann, ohne daß ich es ahnte, guckte ich mal nach oben und da hatte ich auch schon die Bescherung. Er spuckte mir alles auf die Brust, wie ich den Geruch merkte, kamen die schwarzen Bohnen wieder raus. Wir waren
alle froh, als wir an unserem Bestimmungsort ankamen. Der Dampfer mußte
im Hafen liegen bleiben, es war weder Anlegebrücke oder noch ein Kai
vorhanden. Unsere Kisten wurden auf Segler geladen und an Land gebracht.
Estreito, in diesem Ort haben wir unsere Kisten selbst ausgeladen, denn Kräne
waren nicht vorhanden. Es waren alles kräftige Leute und so ging es ganz
gut. Geschwitzt haben wir dabei wie die Bären. Es war aber auch sehr
warm. In Estreito kamen wir in ein „Emigrantenhaus“. Tadellose Betten,
es waren nämlich nur Holzpritschen vorhanden. Das schönste waren die Flöhe,
die haben uns fast „aufgefressen“, man saß schwarz voll von ihnen. In
diesem Ort sind wir dann etliche Tage geblieben. Von hier ging es dann mit
Wagen über Land. Die erste Station hieß Fasenda. Dort wurde Mittag gemacht, von hier ging es weiter nach dem Orte Lijukas, dieser Ort liegt 50 Km von Florianopolis entfernt. Dort blieben wir etliche Tage, es gab dort viele Apfelsinen und Bananen. Die Apfelsinenbäume haben wir mal ziemlich geplündert. Die Bevölkerung waren nur Brasilianer, bis heute sind höchstens ½ Dutzend Deutsche vertreten, hier ging das Theater los mit der Sprache, kein Mensch verstand die Leute, man verständigte sich durch Zeichen und Gebärden. Es ist sehr schlecht, wenn man die Sprache des Landes nicht versteht, das habe ich später oft am eigenen Leibe gemerkt. Von Tijukas ging es dann 35 Km weiter bis zum Orte Nowa Trento, dort blieben wir 2 Tage, dann ging es weiter bis Natal, hier blieben wir eine ganze Woche, in dieser Gegend war schon alles Urwald. Es waren nur etliche Ranchos, Blätterhäuser oder Hütten vorhanden. Unser Hotel war ein Bretterschuppen mit modernen Betten – die sogenannten Holzpritschen -. An diese Flohkisten hatte man sich schon ein bißchen gewöhnt. Von dort ging es dann weiter bis nach dem Orte Koridas, dort war das Büro der brasilianischen Regierung und 3 Geschäftshäuser, alles aus Holz gebaut. Es wohnten schon annähernd 150 deutsche Familien die Kolonisten werden wollten dort. Von diesen Leuten wohnt heute kein einziger mehr dort. Die heutigen Bewohner sind meistens Brasilianer, es ist dort ziemlich heiß und es gibt auch Fieber. Hier in Koridas sind wir in ein Bretterhaus eingezogen und haben 1 Jahr dort gewohnt. Unser Haus lag ½ Stunde vom Stadtplatz entfernt, die Kisten und Sachen wurden mit Tragesel, cargeirus, dorthin befördert, Fahrstraße war keine vorhanden.
Hier
ging dann das Arbeiten los. Unter anderem bauten wir einen Backofen,
Ziegelsteine gab es keine. Neben dem Haus lief ein kleiner Bach, aus
diesem nahmen wir die Steine und bauten den ersten Backofen in Brasilien
in dem wir selbst Brot backen konnten. Wie derselbe da fertig war, wurde
mal Feuer reingebaut. Es dauerte nicht lange, da fingen die Steine an zu
explodieren, das war ein Gerumpel und im Nu war unser Backofen in Fetzen.
In den Steinen war viel Glimmer. Wir mußten halt einen Anderen bauen. Wir
suchten uns andere Steine, nämlich Eisensteine, dieselben haben gut
gehalten und der Ofen hat auch gut gebacken. Ein Feuerherd mußte auch
gebaut werden und vieles mehr. Wie wir dann etliche Tage da waren, ging
unser Vater in ein Geschäftshaus um Kartoffeln zu kaufen, es waren keine
zu haben, dann kaufte er Batata doce, süße Kartoffel. Es war auf einen
Sonntag, unsere Mutter hatte eine gute Portion zurecht gemacht und alle
waren froh, daß es mal Kartoffeln gab, ein jeder füllte sich den Teller
dann auch gut voll. Dann ging das Essen los und einer guckte den anderen
an, die Dinger schmeckten genau so wie verfrorene Kartoffel, der Appetit
war dahin. Den nächsten Tag haben wir die süßen Kartoffeln auf dem
Puckel zum Geschäft zurückgetragen, dieselben waren nicht zu genießen,
es waren alte. Wenn sie jung sind schmecken sie gar nicht so schlecht, man
muß sich erst an den Geschmack gewöhnen. Es wurde monatlich 15 Tage Wegearbeit gemacht, wofür wir von der Regierung 45 Milreis erhielten, die anderen 15 Tage sollte auf dem Lande gearbeitet werden. Aber in diesem Ort Koridas gefiel es uns nicht. Es war zu warm und wir beschlossen weiter rauf ins Innere zu ziehen. Eines Tages gingen wir dann auch los und suchten uns Land 20 Km davon ab, wo wir wohnten, mitten im Urwald. Es war keine Straße vorhanden, nur eine Pikade, d.h. soviel wie ein Pfad mit dem Facon-Waldmesser gehauen. Die erste Reise nach der Kolonie, die wir uns ausgesucht hatten, ging dann auch bald los, denn es mußte Wald runter geschlagen werden, damit wir das nächste Jahr etwas zu essen hatten. Es wurde dann für jeden für eine Woche Eßwaren zurechtgemacht und 1 Axt, 1 Waldmesser, 1 Feußel, um Unterholz abzuhauen, Kochgeschirr, Flinte, Munition, Bett und Zeug zum Umziehen – es war eine ganz schöne Ladung. Mit dieser Ladung auf dem Ast ging es dann los 14 Km bergauf, 3 Km bergab und die letzten 3 Km etwas eben. Geschwitzt haben wir auf dieser Reise wie die Bären mit unserem Wollzeug aus der Heimat. Wir waren auch froh, als wir in unserem „Ranxo“ (Blätterhütte) ankamen. Wir bauten uns eine Bettstelle aus runden Knüppeln. Darauf wurde Baummoos und Blätter von Bäumen gelegt und die Flohkiste war fertig. Eine Decke hatte sich jeder mitgebracht. Es war aber doch verdammt hart auf diesen Urwaldsprungfedern. Gekocht und gebraten wurde draußen im Freien. Wir haben diese Zeit hauptsächlich Pfannkuchen gebacken, weil es leicht zu machen war und etwas anderes schlecht zu beschaffen war. Diese haben wir soviel gegessen, daß ich sie heute noch nicht gern esse. In dieser
Blätterhütte hausten wir mit 10 Personen, aber nur Männer. Die ersten
Tage ging es ganz gut mit Ungeziefer. Es dauerte aber nicht lange, da
hatten wir so viele Flöhe, daß sie einen beinahe wegschleppten. Wir
gingen montags von zu Hause fort und kamen sonnabends wieder. Einen Montag
kamen wir denn auch an in unserem Ranxo, gingen alle an unsere Arbeit
Waldrossen und schlagen. Mittags kamen wir zu unserer Blätterhütte, um
Essen zu machen, da sahen wir eine schöne Bescherung. Es lag alles
durcheinander auf der Erde, Blechbüchsen waren heruntergerissen und beim
Fallen aufgegangen, kurz und gut, unser Proviant war verschwunden. Wir
waren erst platt, mit einem Mal sahen wir einen Hund, da ging uns ein
Licht auf. Der Entenjäger Tapiar war mit 13 Hunden auf die Jagd gegangen.
Der Jäger fütterte die Hunde nicht vor der Jagd, so konnte es den
Biestern bei uns gefallen und sie hatten uns den ganzen Kitt aufgefressen.
Wir mußten wohl oder übel mit hungrigen Magen losziehen und wieder
Proviant besorgen. 40 Km zu Fuß laufen, eine schöne Tasse Tee. Dieser Jäger hat in der Umgebung 140 Stück geschossen, heute gibt es aber nur wenige mehr, sie sind alle ausgerottet worden. 2 Tage später hing dann ein Stück Tapiarfleisch an unserem Ranscho – das hatte der Jäger uns dort gelassen. Wir haben es auch verzehrt, es schmeckte nicht schlecht, nur etwas trocken und strähnig.
So haben wir dann etliche Monate gehaust mitten im Urwald, weit weg von der Zivilisation. In den Bezirk, in dem wir waren, sollten auch „Buger docudos“, wilde Menschen sein, was auch anzunehmen war. Wir hatten uns dann abgemacht, wenn 3 Schuß hintereinander fallen, daß wir alle zusammen kommen. Kurz und gut, eines Tages fielen mehrere Schüsse. Wir hin, wo die Schüsse fielen. Bis wir an Ort und Stelle waren, hörten wir 15 Schüsse. Unsere Kollegen hatten eine Beutelratte geschossen, sie lag auf einem Baum zwischen einer Gabel. Da haben wir dann auch mit geschossen, bis alles in Fetzen unten ankam. Etliche von den Leuten wollen „Buger“ gesehen haben. Ich habe im Urwald nie einen gesehen. Später allerdings, die aber zahm waren. Unter anderen auch einen Botokuden, 22 Jahre alt, groß, breitschultrig, schwarzes, strähniges Haar, von einer deutschen Familie aufgezogen. Er sprach gut deutsch und sang auch deutsche Lieder und Bier trank er wie ein Loch. Die Buger-Jäger hatten diesen Jungen als kleines Kind aus dem Walde mitgebracht. Die Wilden hatten nämlich verschiedene Leute und Familien umgebracht und so wurde Jagd auf sie gemacht. Unter anderem erzählte mir mal ein alter Kolonist, wie sein Nachbar mit Familie umgebracht wurde. Etliche Jäger waren auf Jagd gewesen und einer von ihnen sah einen Buger in der Sonne sitzen und hat ihn erschossen. Danach sind die Jäger aus dem Walde gegangen und kamen in das Haus des deutschen Kolonisten Schubert, es war das letzte Haus der Ansiedlung. Etliche Tage nach diesem Vorfall haben die Wilden diese Familie überfallen und erschlagen, bis auf eine Tochter, die zum Nachbarn flüchtete. Der Fluß, wo dies geschah, heißt heute noch Schubert-Fluß. Der Mann, der mir dies erzählte, wurde von den Wilden nicht angegriffen, nur einen Esel auf seiner Weide haben sie geschlachtet und fortgeschleppt. Nach diesem Geschehen haben sich die Bugerjäger aufgemacht und die Buger verfolgt, gefunden und die Meisten von ihnen umgebracht. Nachdem hat
kein Überfall mehr stattgefunden. Die Bugerjäger haben viele Sachen von
Ansiedlern bei den bugres (portugiesisch gesagt) gefunden, hauptsächlich
Eisenzeug, das sie wohl am besten verwerten konnten für ihre Pfeile und
sonstiges Schneidzeug – die Buger machen ihre Pfeilspitzen hauptsächlich
aus Feuersteinen – . Wir sind monatelang im Walde gewesen, uns haben die Buger nichts zuleide getan. Wir haben oft Bäume gefunden, wo sie Bienen-Nester herausgehauen hatten, das hatten sie fein und schön glatt gemacht. Wir sahen
mal einen Baum von ungefähr 18 – 20 m Höhe und unter einem wagerechten
Ast war ein Bienennest ausgehauen. Das war auch nicht leicht gewesen, den
Honig dort herauszuholen. Mein Bruder
Paul und ich, da wir die ältesten waren, haben mit weiteren 3 Familien
eine Waldrosse für jeden geroßt und geschlagen. Die Erste ging so
leidlich, die zweite schon nicht mehr ganz so gut und die dritte schlecht.
Unsere – die letzte – hatte eine ganze Zeit gedauert, wir waren die
Arbeit nicht gewöhnt. Das Waldschlagen, wenn man es nicht versteht, ist
eine sehr schwere Arbeit. Das Schlimmste ist, daß man mit der Axt an die
Berghänge links und rechts schlagen muß, und das konnten wir eben nicht,
wir hatten einen zu unsicheren Hieb. Manchen Baum haben wir nicht einmal,
sondern 5 bis 6 mal abgehauen. Es war kein Hauen, sondern abnagen. Es gehört
eiserne Energie dazu.
Eines
Tages hörten wir an den Berghängen im Walde ein Grollen. Wir sagten uns,
es sind Wildschweine und machten uns auf, diese zu schießen und erlegten
etliche Brüllaffen. Von Schweinen haben wir nichts gesehen. Die Brüllaffen
hatten den Keach gemacht. Wie die Rösse mal fertig war, wurde von der Regierung ein Holzhaus dorthin gebaut und als dies fertig war, sind wir dort eingezogen. Es mußte zunächst ein bißchen eingerichtet werden. Das Holz mußte alles weggeräumt werden, damit man sich kein Bein brach. Dann mußte Backofen, Hühnerstall und Schweinestall gebaut werden. Wir haben uns auch ein Garten angelegt. Man konnte keine Latte und keine Leisten kaufen, Schneidemühlen waren keine vorhanden. Mein Bruder und ich gingen dabei, und haben Staketenlatten mit der Handbrettersäge geschnitten, das war auch wieder eine Arbeit, die man nicht kannte, aber es mußte gehen. Am Anfang
ging es nicht gut, aber wir haben uns bald eingefuchst, daß wir später
ein duzend Bretter täglich geschnitten haben, es war aber doch eine
Schinderei. Eines Tages – wir schnitten Latten – hörten wir ein Geräusch. Wir hatten keine Schußwaffen bei uns, diese hinderten uns, denn wir mußten das Holz auf den Schultern nach Hause bringen über Baumstämme und Kronen. Mit einem Mal sahen wir etwas Graues. Es kam immer näher. Ich bat meinen Bruder nach Hause zu laufen und die Flinte zu holen. Wir riefen auch nach Hause rüber, uns die Flinte zu bringen, aber wir hörten nichts. Das Haus lag unter dem Berg und der Schall ging darüber hinweg. Die Nachbarn kamen schon angelaufen, aber mein Bruder war schnell gelaufen und ich stand 5 – 6 Meter vor dem Tapir. Dieser war ganz ruhig, schlug den kurzen Rüssel mal rauf, mal runter und blieb vor mir stehen. Ich stand mit einem Waldmesser in der Hand, bereit auf einen Baum oder Stumpf zu springen, ich konnte ja nicht wissen, was es machen würde. Es war das erste Mal, daß ich so ein Tier sah. Mein Bruder war denn auch schon auf dem Berg und schoß von dort auf das Schulterblatt. Der Tapir brach gleich nach dem Knall zusammen. Ich hin mit meinem Waldmesser und wollte ihn abstechen, kam aber beinahe nicht durch die Haut, sie ist ziemlich dick, es ging aber doch. Die
Nachbarn waren alle zusammen gelaufen. Es wurde dann das Fell abgezogen
und das Fleisch nach Hause getragen. Die Leber hat unsere Mutter dann
gebraten. Sie konnte gar nicht soviel braten, als wir aßen, denn es waren
allerlei Leute zusammen gekommen. Das Fleisch wurde eingesalzen und weil
es sehr warm war und wir die Verhältnisse nicht kannten, ist uns viel
Fleisch verdorben. Die Hündin die wir hatten, hatte gerade Junge bekommen
und hat das meiste Fleisch aufgefressen. Etliche
Tage später kam ein Kerl dahergelaufen mit einer Dreistigkeit, vielmehr
Frechheit und wollte das Fell von unserem erlegten Tapir haben. Das Fell wäre
seins, seine Hunde hätten den Tapir gestellt. Zuletzt drohte er mit dem
Gericht. Mein Vater hat ihn aber angeblasen und dann ist er abgezogen mit
der Drohung, uns die Polizei auf den Hals zu schicken. Etliche Tage später
erfuhren wir, daß der Mann an dem fraglichen Tag zu Bett gelegen hatte. Die Eßwaren, die wir kaufen konnten, waren sehr teuer. Die Geschäftsleute nahmen, was sie wollten. In kurzer Zeit waren wir blank. Ich habe mir dann Arbeit als Tischler gesucht, obwohl ich keinen Gesellenbrief als Tischler hatte. Ich habe nur 2 Jahre in Kiel als Tischler gelernt. Ich bekam in einem Ort Bonzque Stellung als Tischler, der von unserem Wohnort 84 Km entfernt war. Es war eine schöne Strecke zu Fuß. Hier wohnten viele Deutsche. Ich habe dann etliche Monate dort gearbeitet und kam dann wieder nach Hause. Ich hörte dann, daß man auf dem Hochland besser verdienen sollte. Ich beschloß dann, mit einem Nachbarn in meinem Alter dorthin zu reisen. Das waren 300 Km. Eines Tages zogen wir los mit einem Rucksack und 5 Milreis in der Tasche. Am nächsten Tag kamen wir in die Ortschaft Angelina, wo wir die Nacht blieben. Am anderen Tag ging es weiter, dann hörten die deutschen Siedlungen auf. Den 3. Tag kamen wir in Jao Paulo an. Es war schon dunkel, man sah kein Haus weit und breit. Mit einem Mal sahen wir Licht, da steuerten wir drauf los. Durch Zeichen und Gebärden fragten wir, ob wir die Nacht dort bleiben könnten. Sie wollten uns erst nicht recht behalten und zeigten immer auf einen Schuppen wo die Trupeciros bleiben. Wir stellten uns ein bißchen dumm, verstanden auch nicht und blieben. Der Mann brachte uns etwas zu essen. Jeder bekam eine Tassenunterschüssel mit pinkao (Pinienfrüchte) gekocht in Salzwasser. Ich sagte zu meinen Kollegen: „Wat is dat vörn Tüch, hest du dat schon mal eten“. Wir wußten ja nicht was es war, haben es aber doch aufgegessen. Wir dachten, es würde wohl etwas anderes danach kommen, aber es gab nur ein Täßchen Kaffee. Dann zeigte uns der Mann das Schlafzimmer. Betten waren keine da, er hatte selbst keins. Wir legten uns auf den blanken Fußboden in eine Ecke ohne Decke oder Strohsack, nur den Rucksack unter den Kopf. Als wir aufstanden, lagen wir auf der anderen Seite des Zimmers. Einer war über den Anderen gekrochen, um sich zu wärmen. Draußen war alles noch voll Reif, man war so steif und die Knochen taten einem weh. Wir waren denn schon um 3 Uhr auf den Beinen. Der Mann war schon aufgestanden und melkte bei Licht etliche Kühe. Er brachte uns eine Portion Milch zum Trinken. Ich war kein großer Milchfreund, habe es aber runtergewürgt, was runter ging. Es war noch nicht hell, als wir weiter marschierten und es dauerte eine ganze Zeit ehe es hell war. Gegen Mittag bekamen wir Hunger. Häuser waren keine zu sehen. Die Ortschaft, von der uns gesagt wurde, waren wir schon vorbei gelaufen und so setzten wir uns hin und kramten aus dem Rucksack noch ein Stück Maisbrot, das zwar schon Schimmlich und grün war und aßen es auf. Es ist uns auch gut bekommen. Abends
kamen wir in Rio Bonito an, bekamen ein Bett und haben sehr gut
geschlafen. Den 5ten Tag kamen wir bei einem Deutschen, 15 Km vor Lagos den Bestimmungsort, an. Bei diesem Deutschen, schon in Brasilien geboren, blieben wir die Nacht. Morgens fragten wir den Mann, was wir ihm schuldig wären. Er verlangte von jedem 2500, das war unverschämt teuer. Wir hatten die 285 Km mit 2500 zurückgelegt und dieser Mann nahm uns den Rest unseres Geldes. Später habe ich die Sache mal erzählt, da meinte er, das hätte er nicht tun sollen, wir waren aber unser Geld los. Gegen Mittag kamen wir bei unserem Endziel an. Es wohnten fast nur Brasilianer dort aber wir fanden auch eine deutsche Familie. Bei denen haben wir etliche Nächte geschlafen und manches Mal auch gegessen. Wir gingen dann auch los um Arbeit zu suchen. Den ersten Tag fanden wir keine. Den anderen Tag fragten wir in einem Kloster an, die wollten uns keine Arbeit geben, weil wir nicht katholisch waren. Ich fragte dann den Ober, ob wir etwas zu essen bekommen könnten, wir könnten ja irgendeine Gegenleistung dafür tun. Essen können sie bekommen, meinte der Mönch und ließ für uns auftafeln. Wir haben aber auch reingehauen. Nachher fragten wir, was es kosten sollte, bedankten und verabschiedeten uns. Wir zogen wieder los und waren erstmal froh, daß wir wieder den Bauch voll hatten. Denselben Tag fanden wir noch nichts. Den nächsten Tag fand ich Arbeit bei einem deutschen Schlachter. 30 Milreis Monatsgehalt. Zu dieser Arbeit hatte ich keine Lust, aber ich dachte, in der Not frißt der Teufel Fliegen. Ich ging dann, um meine Sachen zu holen. Unterwegs traf ich einen Mann. Ich dachte, das muß ein deutscher sein und keilte ihn auch nach Arbeit an. Er meinte, ich könnte bei ihm als Tischler arbeiten und bezahlte mir 3500 und die Kost. Wer war froher als ich. Der Mann wohnte 18 Km außerhalb der Stadt und meinte, ich könnte den nächsten Tag mit seinem Wagen dorthin fahren. Ich hatte keine Geduld zu warten und holte meine Sachen ab und ging zu Fuß. Gegen Abend war ich dort. Mein Kollege hatte denselben Tag auch Arbeit in einem Hotel gefunden. Etwas später kam der Herr selbst an, wir haben uns allerlei erzählt. Am nächsten
Tag ging die Arbeit auch los. Es war eine Tischlerei mit Wasserbetrieb.
Tischlergesellen waren keine dort, der letzte war vor einigen Tagen
fortgegangen. Die erste
Arbeit war ein polierter Kleiderschrank. Die Leute waren erst sehr mißtrauisch,
denn sie waren schon einige Male von Deutschen hereingelegt worden. Wie
ich den Schrank fertig hatte, ging es ganz gut. Es waren so nette Leute,
obgleich sie katholisch waren. Hier lernte ich dann Land und Leute kennen.
Das schlimmste war die Sprach. Es war ein Glück, daß der Herr selbst
deutsch sprach. Hier auf
dem Kamp Steppe wurde zweimal täglich schwarze Bohnen mit Reis gegessen.
Weil es Deutsche waren, gab es morgens Brot. Der Hochländer kannte damals
noch kein Brot. Das Brotbacken hat er erst von den Deutschen gelernt. In dieser Tischlerei habe ich 4 Monate gearbeitet. Eines Tages kam mein Kollege von der Stadt und sagte zu mir: „Geihst mit to Hus, Willi?“. Doch meinte ich, wir sind zusammen gekommen, wir gehen auch wieder zusammen nach Hause. Ich verlangte meinen Lohn und wir trippelten nach Hause. Wir hatten doch Geld in der Tasche und frohen Mutes sind wir den Tag 80 Km gelaufen – wir hatten die halbe Nacht mitgenommen. Es passierte uns, daß wir die Station vergaßen, denn nirgends stand ein Haus. Wir mußten die Nacht draußen schlafen, es war nicht so dunkel und wir pflückten uns Gras und hauten uns hin. Mit einemmal wurde ich wach und der Mond schien so hell und ich dachte im Dusel, es ist die Sonne. Wir standen beide auf und gingen weiter und es wollte und wollte kein Tag werden. Wir legten uns noch einmal auf einen großen Stein. So langsam wurde es doch Tag und wir trippelten weiter. Das erste Haus, das wir trafen, steuerten wir an und wollten uns etwas zu essen geben lassen, bekamen aber nichts und so ging es den ganzen Tag. Wir bekamen nichts zu essen für Geld und gute Worte. Auf dem Hochland ist es so, daß ein Mann, der zu Fuß geht, als Vagabund angesehen wird. Sogar der Bettler reitet dort zu Pferde. Die Nacht verbrachten wir in einem offenen Schuppen. Morgens trafen wir ein kleines Geschäftshaus. Dort fragten wir nach etwas zu essen. Der Mann meinte doch, brachte uns eine Schüssel mit aufgebrühtem Mandokamehl und gekochte Eier. Wir haben aber reingehauen, es schmeckte uns wunderbar. Wenn der Hunger da ist, schmeckt eben alles. Die Mahlzeit war beendet und wir zogen weiter, um uns im nächsten Geschäft ein Stück Dörrfleisch zu kaufen, damit wir nicht hungern brauchten, denn davon hatten wir die Nase voll. Meine Schuhe fingen an zu scheuern und ich bekam eine Blase auf der rechten Hacke. Und diese Blase wurde immer größer durch den Druck. Ich wollte sie aufstechen, aber mein Kollege meinte, das kann schlimm werden. Wir kamen jetzt nur langsam vorwärts. Abends habe ich sie aber doch aufgestochen, ich konnte es nicht mehr aushalten. Mir wurde ganz leicht, wie das Wasser raus war. Morgens habe ich dann die Kappe hinten aus dem Schuh geschnitten und es ging wieder weiter. Es dauerte nicht lange, da bekam mein Kollege eine Blase unter dem Fuß. Er machte dasselbe wie ich und wir zogen weiter, wenn auch langsam, aber wir kamen dem Hause immer näher. So haben wir 7 Tage gebraucht und für die Hinreise nur 5 ½ Tage. Nach den 5 ½ Tagen waren wir frisch und mobil, aber nach der Rückreise verdrießlich und kaputt. Zu Hause konnte man sich mal wieder ausruhen. Zur
Abwechslung wurde wieder einmal auf dem Lande gearbeitet, damit man nicht
ganz aus der Gewohnheit kam.
Etliche Tage später zogen Vater und ich los, um eine Melkkuh zu kaufen. Wir marschierten 52 Kilometer. Dort wohnte ein Geschäftsmann, der hatte viel Vieh. Wir suchten eine Kuh aus. Er wollte nicht recht ran, er wollte eine andere verkaufen, diese sollten wir nicht haben. Die wollten wir aber nicht. Die die wir haben wollten, sollte 200 Milreis kosten. Wir haben den ganzen Tag gehandelt. Schließlich bekamen wir sie für 140 Milreis, es hat aber auch Mühe gekostet. Zuerst haben wir immer das bezahlt, was verlangt wurde, weil wir es von Deutschland so gewohnt waren. Wir waren aber so betrogen worden und das Geld war alle. Deshalb haben wir so gehandelt, als irgend möglich. Die Kuh wurde bezahlt und von den übrigen 60 Milreis kauften wir etliche notwendigen Sachen. Dann zogen wir mit unsere ersten Kuh ab nach Hause. Wir mußten auch sehen, daß wir fortkamen, denn es zogen schon immer Gewitter auf und wir hatten 2 große Flüsse zu passieren. Ein Gewitter genügt und man kommt nicht mehr durch den Fluß. Brücken gab es keine. Wenn der Regen anhält, muß man 2 – 3 Tage liegen bleiben, ehe man durchkommt. Beim
normalen Wasserstand mußte man schon die Hose ausziehen. Das kleine Kalb
trug ich auf der Schulter durch den Fluß und Vater kam mit der Kuh am
Strick hinterher. In 2 Tagen waren wir wieder zu Hause. Jetzt hatten wir
wenigstens etwas Mich im Hause. Solange hatten wir keine gesehen. Eine kleine
Weide hatten wir uns auch angelegt. Nur mit dem Zaun sah es nicht ganz gut
aus. Wir hatten ihn aus Holzpfählen gemacht. Die Kuh wollte die erste
Zeit nicht auf der Weide bleiben. Das kam davon, daß sie jetzt allein
war. Vorher war sie immer mit anderen Kühen zusammen gewesen, aber sie
gewöhnte sich bald daran. Es waren noch 100 Milreis, von denen, die ich
verdient hatte, übrig geblieben. Es wurde
uns gesagt, daß man in Argentinien zur Erntezeit gutes Geld verdienen könnte.
17 Mann von uns hatten beschlossen dorthin zu gehen, mein Bruder Paul und
ich waren auch dabei. Wir zogen dann zu Fuß am 14. Dezember 1914 los. Wir mußten nach Florianopolis, das von hier 125 Km liegt. Von dort mußten wir mit einem Küstendampfer fahren. Unser Reisegeld von 50 Milreis war alle. Am 16. Dezember kamen wir in Florianopolis an. Unterwegs hatten wir noch einen kleinen Spaß. Eines Tages gegen Mittag sahen wir an einem Berge ein Haus stehen und darum viele Apfelsinenbäume. Im Schatten der Bäume wollten wir Rast machen. Wir gingen um das Haus herum, um mit den Besitzer zu sprechen und etliches zu kaufen, aber es ließ sich niemand sehen. Die waren alle ausgekniffen. Nur einer guckte durch die Bretterritzen. Er wollte nicht herauskommen. Durch vieles zureden kam er dann doch zum Vorschein. Er sagte uns, sie hätten es mit der Angst bekommen und dachten, die nehmen uns alles weg. Wir wurden als eine Art Räuberbande angesehen. Wir sagten ihm, daß wir keinem Menschen was tun und daß wir uns ein wenig ausruhen wollten. Nach einiger Zeit kamen die Flüchtlinge zum Vorschein und als wir uns ausgeruht hatten, zogen wir weiter. In Florianapolis zogen wir in ein Hotel ein. Unter dem Dachboden haben wir drei Tage zugebracht, allerdings ohne Betten auf dem blanken Fußboden. Es war ein Glück, daß es nicht so kalt war. Am 19. Dezember fuhren wir dann mit einem Küstendampfer namens Virio. Das Essen war nicht vom besten. Seekrank war keiner von uns. Eines Nachts wurden wir von einem englischen Kriegsschiff mit Scheinwerfer beleuchtet, aber nicht angehalten. Wir dachten schon, daß wir alle interniert würden, es ging aber gut.
Am 24. Dezember kamen wir in Montevideo an. Der Dampfer blieb im Hafen liegen und man mußte sich an Land setzen lassen. Es kamen auch genug, die uns übersetzen wollten. Sie verlangten 5 Milreis pro Person. Das konnten wir nicht bezahlen. Wir blieben noch etliche Stunden an Bord, dann kam einer mit einer Schute und nahm uns dann für 500 Reis mit an Land. Jetzt waren wir mal wieder auf festem Boden aber nicht in Argentinien, es lag noch der Fluß La Plata dazwischen und der ist sehr breit, wir mußten schon mit einem Dampfer rüberfahren. Uns wurde gesagt, daß wir uns an Pastor Nelke wenden müßten. Den haben wir mit etlichen Mann in etlichen Stunden aufgesucht. Er meinte, es sähe nicht gut aus dort mit der Arbeit. Es war gerade ein Mann von dort gekommen und bei ihm gewesen. Der Pastor meinte aber, des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Er fragte uns dann, wieviel Geld wir noch hätten. Wir hatten jeder noch 5 Milreis. Die Fahrt kostete 10 Milreis. Der Pastor hat sich dann mit der Emigration in Buenos Aires in Verbindung gesetzt. Er sagte uns: Heute Abend um 10 Uhr fährt ein Dampfer rüber und wir sollten alle da sein. Den Rest des Tages haben wir uns die Stadt angesehen. Das Schlimmste war, daß wir kein Geld mehr hatten. Wir hatten natürlich auch nichts zu essen. Etliche sind dann fechten gegangen. Ich bekomme so etwas schlecht fertig. Die Stadt war ganz schön, aber mit hungrigem Magen und dann noch zu Weihnachten, nicht ganz angenehm. Zu rauchen hatte ich auch nichts mehr. Einige von uns haben sich Zigarettenstummel gesammelt, das habe ich nicht gemacht, obwohl ich ein starker Raucher bin. Die Uhr war schon 10 vor und der Pastor noch nicht da, wir waren schon unruhig. Einige Minuten vor 10 kam er dann. Es ging alles sehr schnell und wir fuhren ab nach Buenos Aires. Wir dachten, wir bekommen vielleicht noch etwas zu essen, aber nichts. Um 10 Uhr morgens waren wir in Buenos Aires. Dort wurden wir mit dem Autobus zur Emigration gefahren. Dort bekamen wir dann Mittagessen: Reissuppe mit Bohnen zusammen mit viel Pfeffer. Die Suppe war ganz rot, wir nannten sie Priemsuppe. Die Einrichtung war gut, es war alles schön sauber. Es konnten einige hundert Mannuntergebracht werden. Es war auch schon ein Teil Leute vertreten, die keine Arbeit hatten. Handwerker, Schiffsleute und alle möglichen anderen. Die Leute wurden überall hingeschickt, aber mit Arbeit sah es schlecht aus, denn die ganze Industrie lag still und alles ging auf Erntearbeit. Wir gingen jeden Tag einige Male ins Büro und fragten an wegen Arbeit, aber jeder Tag war ohne Erfolg. Zu Neujahr beschlossen wir, an den Ort Colonel-Vales zu fahren auf blinden Dunst. Wir mußten schon was riskieren, denn sonst säßen wir wohl heute noch da. Wir bekamen Fahrkarten und 2 Semmel für jeden ausgehändigt und dann ging es los. Bis zum Bahnhof hatten wir die Semmel schon verdrückt. Man hatte dauernd Hunger. Klimawechsel macht sehr viel und das Essen war immer knapp. Auf dem Bahnhof angekommen, eingestiegen und ab ging es ins Innere Argentiniens bis zum Ort Colonel-Vales. Die Strecke beträgt etwa 650 Km. Es war alles ebenes Land. Wir fuhren die Nacht auch durch. Auf jeder Station lagen Hunderte von Arbeitern. Wir dachten, ob das immer so bleibt? Neben mir im Wagen saßen 2 Spaniolen, die verzehrten eine Mattwurst, Brot und Wein. Einem lief das Wasser im Munde zusammen. Man mußte die Zähne zusammenbeißen. Der erste Tag im Neuen Jahr war nicht ganz angenehm, hoffentlich wird es besser. Wir kamen auch wohlbehalten in dem Orte an. Es biwakierten hier genau so viele Arbeiter wie auf den anderen Stationen. Was jetzt machen? In ein Hotel gehen ohne Geld? Wir gingen in die Stadt zum Fechten und Arbeit suchen. Aber wo sollte man die Nacht bleiben, die Waggons auf dem Bahnhof waren schon besetzt von Arbeitslosen. Unter anderen trafen wir einen deutschen Steward der war im Hotel B. und suchte auch Arbeit. Das Schiff auf dem er fuhr, war interniert. Dieser Mann bezahlte für uns einen Tag im Hotel B. und so blieben wir 9 Tage dort. Bei unserem Suchen fand ich am 9. Tag Arbeit bei einem Deutsch-Schweizer und Deutsch-Franzosen. Wir sollten 4 Pesos pro Tag verdienen. Wer war froher als ich. Ich ging dann gleich zu meinem Bruder Paul und dann zu den Arbeitgebern. Wir mußten noch 55 Km mit seinem Wagen fahren, wo sein Land lag. Wir stiegen auf den Wagen und fort ging es in Galopp. Der Kutscher hielt nur Mitte des Weges ein bißchen an, daß sich die Pferde erholten, dann ging es im Galopp im strömenden Regen weiter. Dann fuhr der Kutscher auf einen Zaun zu. Ich dachte der Kerl sei besoffen, da man keine Pforte sah, wo er durchfahren konnte. Wir kamen heran an den Drahtzaun, 2 Mann stiegen ab, drückten den Zaun runter, stellten sich darauf und der Wagen fuhr darüber. Das war praktisch. Der Mann meinte, wir hätten sonnst einen Bogen machen müssen. Wir hatten 3 Stunden gebraucht und kamen in das Haus, wohin wir sollten, d.h. es war eigentlich ein Schuppen.
Die Steine des Hauses waren aus schwarzer Erde gemacht, aber nicht gebrannt und auch mit schwarzer Erde gemauert, sehr niedrig mit einem flachen Zinkdach drauf. Daneben stand ein Schuppen, ganz aus Zinkblech. Wir bekamen erstmal ein Glas Wein und hatten auch Durst bekommen und leerten es in einem Zuge, waren fast betrunken. Das kam hauptsächlich weil wir morgens nur Kaffee getrunken hatten und nichts gegessen hatten. Der erwähnte Zinkschuppen erwies sich als unsere Schlafstube. Betten waren keine vorhanden, nur eine Schicht Weizenstroh drauf. Wir haben uns hineingekrochen, unsere Bettdecken waren Weizensäcke. Die ersten Tage ging es gut, aber dann hatten wir soviel Flöhe, daß man sich nicht bergen konnte. Abends gab es Hammelfleisch mit Reis und Mateten und ein Glas Wein. Morgens um 3 ging man zum Kaffeetrinken, das war interessant. Wir bekamen Kaffee in einem Teller und in den Kaffee wurde altes Weizenbrot getan, das man mit dem Hammer zerkleinern mußte, und das Essen wurde ausgebüffelt. Um 8 Uhr gab es Frühstück, Hammelfleisch, Hartbrot und Mateten, zu Mittag dann zur Abwechslung Hammelfleischsuppe, Hartbrot und ein Glas Wein hinterher. Zur Vesper gab es nur Mateten und abends wie schon gesagt. So ging es Tag für Tag. Die ersten
Tage haben wir Weizengarben getragen und auf Haufen über Kreuz gelegt,
nicht in Hocken, wie in Schleswig-Holstein. Als diese Arbeit fertig war,
wurde der Weizen in Diemen zusammengefahren. Die Diemen hatten meistens
die Form eines Hauses mit Giebel. Das Essen mit dem gekochten Hammelfleisch waren wir schon leid, so daß man es nicht mehr riechen konnte. Der Koch, ein Spaniole, hatte kein bißchen Gewürz dran. Der Kerl lebte hauptsächlich von Hartbrot und Mateten. Wir sagten zum Arbeitgeber, er solle einen anderen Koch anstellen. Der Kerl war dreckig und faul dazu. Es wurde auch ein anderer eingestellt. Es war ein Schweizer, der schon 10 Jahre im Lande herumgetippelt hatte und auch mehr herunter als herauf gekommen war. Dieser kochte doch bedeutend besser. Die Zutaten blieben natürlich dieselben. Nur einen Tag erhielten wir kein warmes Mittagessen. Unser Koch lag betrunken unter dem Kran des Weinfasses. Sonn- und
Feiertags wurde gearbeitet, nur nicht, wenn es regnete. Dann haben wir
unser Zeug gewaschen, die anderen Tage hatten wir keine Zeit dazu. Es
wurde von morgens 3 bis abends 11 Uhr gearbeitet. Mittagsruhe gab es
nicht. Es wurde gegessen und gleich weiter gearbeitet. Als der
Weizen zusammengefahren war, ging das Dreschen mit einem Gasolinmotor los.
Die Maschine drosch, wenn alles klappte, 150 Sack Weizen. Ich wurde hinten
am Stroh angestellt, was der schlechteste Posten war. Wenn der Wind nicht
eichtig stand, konnte man sich totarbeiten, um das Weizenstroh allein mit
der Gabel fortzuschaffen. Das Stroh war kurz, und Dreck und Staub kam
hintenraus. Wenn ich rein angezogen war, kannte mich nach 5 Minuten
niemand wieder. Wie wir das
Reisegeld zusammen hatten, gaben wir unsere Arbeit auf und gingen die 55
Km zu Fuß nach der Bahnstation Colonel-Vales. Wir lösten uns eine
Fahrkarte nach Buenos Aires für 13,50 Centavos. Jetzt besaßen wir
wenigstens alpacatas, Zeugschuhe und 1 neue blaue Hose. Auf der Hinreise
waren wir barfuß und als Kopfbedeckung einen Strohhut. Es war spaßig,
wenn wir durch die Straßen gingen, 17 Mann, wohin wir kamen wurde Platz
gemacht. In Colonel-Vales waren wir alle auseinander gekommen. So traten
mein Bruder Paul und ich allein die Heimreise an. Wir trafen auf den
Bahnhof noch einen Arbeitskollegen. Er fragte uns, was uns der Arbeitgeber
ausbezahlt hatte. Er hatte ihm, wie auch uns nur 3 Peso und 50 Centavos
ausgezahlt, obwohl 4 Pesos abgemacht5 worden waren. Wir durften nichts unnütz
ausgeben. In Buenos Aires gingen wir in ein Hotel 25 de Maio, das einem Österreicher gehörte. Wir bezahlten pro Tag 2 Peso. Die Verpflegung war sehr gut und billig. Tagsüber haben wir uns die Stadt angesehen. U.a. gingen wir auf die Dampferagentur, um uns Fahrkarten nach Florianopolis zu lösen. Wie wir die in der Tasche hatten, waren wir froh, denn wir dachten uns, von dort kommen wir auch ohne Geld nach Hause. Wir gingen erstmal in ein Cafe`. Es gab eine Tasse mit viel Milch, 2 Brötchen, ein bißchen Butter und 2 Stck. weißen Zucker. Das kostete 20 Centavos, was sehr billig ist. Diese Cafes sind Tag und Nacht offen und der Kaffee ist immer fertig. In diesen Cafes traf man viele Deutsche, die keine Arbeit hatten und von 2mal Kaffeetrinken leben. Ich habe für zwei noch einen Kaffee bezahlt. Ich hatte selbst nichts mehr übrig. In der Stadt kauften wir uns eine Sportmütze, denn der Strohhut hatte ausgedient. Dann trafen wir einen alten Bekannten B. Er war gerade von der Dampferagentur gekommen, ihm fehlten 50 Centavos. Wir haben ihm dann gleich ausgeholfen. Nachdem gingen wir zum Kai, um die Landungsbrücke zu suchen, damit man den nächsten Tag auch hinfand. Wie wir dort angelangt waren, sahen wir noch einen von unseren alten Kameraden St. Der grade dem Dampfer bestieg. Wir riefen ihm zu, er gab gleich Antwort und war froh, daß er ein paar alte Kameraden traf. Der Dampfer fuhr bald ab mit ihm, wir fuhren erst den nächsten Tag. Mann muß sich wundern, in einer Millionenstadt Bekannte zu treffen, und noch Nachbarn dazu, wir wohnten in Brasilien nur 10 Minuten auseinander. Wir gingen zu dritt wieder in die Stadt, blieben bis zum nächsten Tag und fuhren mit einem Dampfer über Uruguay nach Monte Fideiro, dort trafen wir unseren Kameraden St., der tags vorher wegfuhr. Hier warteten wir auf ein Boot, das uns zum Dampfer brachte, der nach Florianopolis fuhr. Wir dachten, noch auf dem Dampfer etliche Kollegen zu treffen, es waren aber keine dort. Der Dampfer fuhr dann auch bald ab über den Rio Grande, es war ein ziemlicher Seegang und die Leute übergaben sich. Uns 4
fehlte absolut nichts. Wir 4 bekamen das Essen in einer Blechschüssel.
Wenn die alle war, ging ein anderer von uns Essen holen, jeder ging
einmal. Andere Passagiere haben nichts gegessen, wir soviel mehr. Unten im
Schiff war es schmutzig und dunstig. Wir schliefen auf Deck unter einem
Rettungsboot. Unser Bett waren zwei Decken, eine unten und die andere
oben, den Rucksack als Kopfkissen. Strohsack und Federmatratzen kannten
wir schon lange nicht mehr. Hier wurde das Schlafen wieder eingeholt, wenn
das Bett auch hart war. Wir kamen wohlbehalten in Florianopolis an. Dort stiegen wir aus und gingen aufs Zollamt. Als wir unsere Rucksäcke aufmachten, winkten die Zollbeamten gleich ab. Wir gingen dann gleich los, jetzt hatten wir wieder brasilianischen Boden unter den Füßen, kauften uns eine große Traube Bananen. Unser Kamerad St. aß 2 Stück und ihm wurde sehr schlecht, uns drei fehlte nichts. Wir haben den Rest aufgegessen. Die erste Nacht schliefen wir unter einer offenen Kegelbahn, die zweite bei einem Kolonisten in Rio Perdidas. Wir waren schon früh dort, mußten aber wegen Gewitter dort bleiben. Es hat uns dort nichts gekostet. Den nächsten Tag machten wir uns früh auf die Beine. Gegen Mittag trafen wir einen bekannten Kolonisten, mit dem wir eine ganze Zeit sprachen. Er wollte mit seinen Waren in die Stadt, um sie zu verkaufen. Er sagte uns, wir sollten bei seiner Frau vorgehen und uns ein gutes Mittagessen geben lassen. Dieses Angebot ließen wir uns nicht zweimal sagen. Heute kommt so etwas nicht mehr vor. Nach dem Essen wollten wir gleich weiter, es gab aber ein Gewitter und so wurde es ziemlich spät, ehe wir fortkamen. Nacht bleiben wollten wir auch nicht, wollten endlich sehen, daß wir nach Hause kamen. Es wurde aber bald zu dunkel, die Piekadie war schon ziemlich zugewachsen. Piekadie ist ein Fußsteig im Walde mit einem Waldmesser gehauen. Es war so
dunkel geworden, daß wir unter einer Brücke geraten waren. Es ging nur
langsam vorwärts. Die letzten 6 Km war eine fahrbare Straße. Wie wir die
erwischt hatten, ging es besser. Vor Mitternacht kamen wir dann auch zu
Hause an. Bei uns zu Hause war alles auf den Beinen. Sie hatten ein
Schwein geschlachtet. Das hatten wir gut getroffen, es war dann auch ein
frohes Wiedersehen. Unsere Eltern waren sehr froh, daß wir doch wieder zu
Hause waren. Das Geld, das wir beide noch hatten waren 25 Milreis und 100
hatten wir mitgenommen. Unser verstorbener Vater meinte auch, das hat ja
viel eingebracht. Man gut, daß ihr
Die ersten Nächte haben wir uns dann gründlich ausgeschlafen in einem richtigen Federbett. Das war eine Wohltat. Ich war aber nicht lange zu Hause, mußte sehen, auf andere Art Geld zu verdienen. Wir hatten kein Pferd, deshalb mußte alles auf die Schulter getragen werden. Ich ging
nach dem Ort Brasque zu Fuß. Dieser Ort liegt 84 Km entfernt. Von dort
sollte die Reise losgehen. Es ging los mit drei Wagen nach dem Hochland von Santa Catharina nach Lages. Dort sollte ich als Tischler arbeiten. Die Reise bis dort sind 420 Km. Bei schönem Wetter fuhren wir von Brasque ab. Als wir 2 Stunden gefahren waren, fing es an zu regnen. Einen Mantel zum Überziehen hatte ich nicht, und so wurde ich bald durch und durch naß. Der Herr
des Wagens und zugleich der Tischler hatte eine gute Pellerine und fuhr
den Wagen mit 3 Esel davor selbst. Wir fuhren einen Berg hinunter. Es war in der Nähe der Ortschaft Nova Frento. Es war schon etwas schummerich. Der Mann fuhr gegen einen großen Stein und es gab einen fürchterlichen Ruck. Ich flog nach der linken und mein Kutscher nach der rechten Seite. Der Wagen prallte zurück, und ich kam mit meinem Bein zwischen Rad und Stein. Da ich ziemlich flink war, kam ich schnell wieder heraus. Ich dachte erst, mein Bein wäre ab, das war aber nicht der Fall. Das Schienbein muß fest und nicht hohl gegen den Stein gekommen sein. Ein Wunder, daß es nicht zerfetzt wurde. Die Wollhose und die Strümpfe waren in Fetzen. Nachher hatte ich viele Schmerzen. Habe mich auf den Wagen gelegt und immer Schnaps darauf gegossen. Das war eine richtige Hundekur – die Reise fing mal gut an. Wir fuhren dann noch eine Stunde und blieben zur Nacht. Am nächsten Tag ging die Reise weiter, und ich dachte, fährst du mit oder nicht. Aber ich hoffte, daß das Bein bald besser würde. Am 3. Tag konnte ich es schon wieder ansetzen. Das Schlimmste war der Regen. Es regnete jeden Tag. Es war ein Dreck, daß der Wagen immer bis an die Achse einsank. Als ich wieder gehen konnte, bin ich abgestiegen und zu Fuß gelaufen. Im Winter, wenn es regnet, sind die Wege grundlos. Wer so etwas noch nicht gesehen hat, glaubt es nicht. Die Strecken, die zurückgelegt werden müssen, sind auch danach. Wir machten mitunter 12 Km den Tag. So ging es täglich einmal etwas besser, ein andermal etwas schlechter. Wir haben uns auch selbst etwas gekocht. Mitunter konnte man kein Feuer mehr ankriegen – das Holz war zu naß. Nachts wurden die Bohnen gekocht, mittags wurden sie aufgewärmt. Eines Morgens wurden die Pferde zusammengestellt und es fehlte eines. Es wurde in einem Sumpf gefunden. Wir sind mit einigen Männern hingeeilt und haben es wieder herausgeholt.
Es ging weiter im Regen. 20 Km hatten wir noch bis Lagos. Dann kam die Sonne durch. Am 23. Tag kamen wir dort an. 1935 war ich in Deutschland. Wenn man die Verkehrswege vergleicht, ist das ein Unterschied wie Tag und Nacht. Ich fing
dann wieder bei der Tischlerei an. Diese wurde vergrößert und in die
Stadt verlegt. Es waren dort alle Holzbearbeitungsmaschinen vorhanden und
elektrisch betrieben. In der Tischlerei wurden alle Bau- und Möbeltischlerarbeiten
ausgeführt. Auch Schneide- und Mahlmühlen wurden gebaut. Der Tischler mußte
hier alles selbst machen. Ich verdiente 5 Milreis den Tag. Es gab oft Überstunden
und Akkordarbeiten. Mein Portugiesisch wurde immer besser. Als ich einige Zeit dort gearbeitet hatte, kaufte ich mir ein Pferd mit Sattelzeug für 180 Milreis. Es war das erste Pferd, das ich mein eigen nannte. Ich war natürlich stolz darauf. Das Reiten aber war nicht so angenehm, denn ich hatte noch nie auf einem Pferd gesessen. Einen Monat später kaufte ich mir noch eine tragende Stute, ferner Mühlsteine und Eisenzeug für 50 Milreis. Das war sehr billig. Dazu kamen noch 10 Milreis Transportkosten. Als ich dann noch etliches verdient hatte, ging es hoch zu Roß ab nach Hause mit etlichen anderen Reitern und Wagen. Es war ein gutes Wetter und es ging flott vonstatten. Den ersten Tag ging es ganz gut, den 2. Tag war ich schon ziemlich steif, am 3. Tag mittags hatte ich Sporen angeschnallt. Beim Aufsteigen kam ich damit ein bißchen an das Hinterviertel meines Gaules. Er machte einen Satz, und ich lag unten. Das gab ein Gelächter, denn es waren vier gute Reiter dabei. Ich ließ mir nichts anmerken und bestieg meine Fanny wieder. Es ging nun immer vorneweg wegen der Fopperei. Es wurde den ganzen Tag im Trapp geritten. Den ganzen Abend war ich so kaputt und steif, daß ich nicht mehr aufs Pferd steigen konnte. Es ist eine Hundekur, wenn man das Reiten nicht gewöhnt ist. Den vierten bis Mittag bin ich mit dem Wagen gefahren. Nachmittags bin ich dann wieder geritten und das ging ganz gut. Der Körper hatte sich schon etwas daran gewöhnt. Die letzten 30 Km bin ich dann allein geritten, ich hatte 6 Tage gebraucht mit meinen 2 Gäulen. Zu Hause bei Eltern und Geschwistern gab es ein frohes Wiedersehen. Eine Kuh war schon da, jetzt hatten wir 2 Pferde dazu, das ging schon besser.
Nach etlichen Tagen machten mein Bruder Paul und ich uns auf die Mühlensteine und Eisenzeug zu holen. Mit 2 Pferden und Wagen konnte nicht gefahren werden, weil keine fahrbare Straße vorhanden war. Das mußte auf dem Pferderücken passieren. Die Strecke war hin- und zurück 140 Km. Das eine Pferd trug die Steine, die 120 kg wogen und das andere Pferd die 80 kg Eisenzeug. Wir beide gingen zu Fuß. Die Last war eigentlich reichlich für die zwei Tiere, aber es ging nicht anders. Die Steine hatten wir in Rohrkörben angehängt, das war eine Schinderei mit dem Aufladen. Dann und wann mußten wir die Geschichte abladen und die Decken zurechtlegen, damit der Rücken der Pferde nicht anschwoll von der schweren Last. Die Berge Rauf waren die Pferde weiß von Schaum, aber sie schafften es. Einige Leute meinten zu uns, die Pferde halten es nicht aus. In 3 Tagen waren wir wieder zu Hause. Jetzt gingen wir daran, Holz mit einer Handbrettersäge zu schneiden, um die Mahlmühle aufzubauen, das dauerte eine ganze Zeit, bis das Holz alles fertig war. Balken, Bretter und Bohlen mußten alle auf der Schulter an Ort und Stelle geschafft werden. Das Haus wurde 6 x 6 m gebaut, gleich ein bißchen größer, damit man bei Regenwetter Tischlerarbeiten machen konnte. Dann mußte ein Wasserrad, Kammrad, Drillich und Kantel gebaut werden. Es hat doch etwas Kopfzerbrechen gekostet, denn es war die erste Mahlmühle, die ich baute. Unser Vater zweifelte immer daran, ob das Ding überhaupt laufen würde. Es wurde mühselig ein Stück nach dem anderen gebracht und nachher eingebaut. Wie dann alles fertig war, haben wir Wasser aufs Rad gelassen um zu sehen, wie die Geschichte läuft. Ich habe dann alles Wasser was da war aufs Rad gelassen. Unser verstorbener Vater meinte noch, doch ni so dull, Jung. Ich sagte, entweder hält es oder es bricht gleich und dann ging es doch ganz gut. Unser Vater war sehr froh, jetzt glaubte er doch, daß es etwas würde. Vater hat dann auch für 42 Familien gemahlen. Er hat oft die Nacht durchgemalen. Er nahm 800 Reis für den Sack Mais Mahlgeld, es war viel zu wenig. Vordem haben wir dasselbe bezahlt und mußten es selbst mit der Hand durchdrehen. Mein Bruder
und ich haben oft geflucht bei der Dreherei. Jetzt hatte es ein Ende. Ich
bin dann auch nicht mehr lange zu Hause geblieben. Ich bin dann als
Tischler losgezogen, um anderswo tätig zu sein. Zwei Jahre war ich fort von zu Hause. In dieser Zeit habe ich mir einen schönen Groschen übergespart. Ich kaufte weitere 3 Pferde und noch eine Kuh. Unsere Weide mußte auch vergrößert werden. Es wurden noch etliche Kolonnen Land gekauft. Wir hatten
Arbeit in Hülle und Fülle. Das Haus wurde etwas vergrößert und mit den
notwendigsten Möbeln ausstaffiert. Wir haben alles selbst gebaut. Eine Zeitlang war ich zu Hause, dann sattelte ich eines Tages mein Pferd und ritt wieder auf das Hochland von Santa Catharina in den Ort L. und zu der Fabrik, wo ich als Tischler gearbeitet habe. Ich wurde wieder eingestellt und nach kurzer Zeit Meister und verdiente die Stunde 1 Milreis. Es war ein ganz schönes Geld. Portugiesisch sprechen konnte ich schon ganz gut. Und das Reiten auch. Auf dem Hochland wird jeder Fußgänger als Vagabund angesehen, wie es mir auch gegangen war. Sogar ein Fechtbruder reitet dort zu Pferde. Es wird
dort hauptsächlich Viehzucht betrieben. Das Land ist durchweg
minderwertig. Ein Pasendeiro (Großgrundbesitzer)
muß viel Land haben, damit er bestehen kann. Für den Sommer die Steppe
und für den Winter den Wald. Im Sommer ist die Steppe schön grün und im
Winter grau. Das Vieh geht dann in den Wald. Es kommt nicht in den Stall.
Was nicht widerstandsfähig ist, geht ein. Es ist eine ganz andere
Wirtschaft als in Deutschland. Ich war bei einem Großgrundbesitzer. Der hatte 12.000 Hektar Land und 1.200 Köpfe Vieh laufen. Eine Zeitlang war wenig Arbeit in der Tischlerei. Da habe ich Mahlmühle, mit Wasser betrieben, gebaut. Es war sehr schwierig. Fahrbare Straßen gab es keine, wo die Mühle hingebaut werden sollte. Das ganze Material wurde auf Pferde- und Ochsenrücken hingeschafft. Die 1 m im Durchmesser großen Steine wurden in der Mitte mit Holzachsen versehen und 2 Ochsen davor gespannt. Es ging sehr langsam, weil es durch Wald, Sumpf und Steine ging, auf 3 Km haben wir 4 Tage gebraucht. Die Mahlmühle habe ich allein aufgestellt. Es war eine schwere Arbeit. Die Kost, die ich bekam, war auch nicht vom besten. Brot kannten die Leute nicht. Betten hatten sie auch keine. Jeder schlief auf seinen Belegos Pelzen, wenn er welche hatte. Im Winter ist es dort kalt und die Holzhäuser sind undicht gebaut. Viele sind auch aus gespaltenen Pinienbrettern, Schilf, Rohr oder Lehm gemacht. Möbel kannten die Leute nicht. Ein Tisch, 40 x 70 cm, und zwei Kisten, das war das ganze Mobiliar. Es gab
jeden Tag 2 x schwarze Bohnen, Dörrfleisch, Speckschwarten gekocht zu
essen. Etwas Anderes gab es nicht, man mußte einen guten Magen haben.
Mein holsteiner Magen war gut, hat auch manche schwarze Bohnen verdaut. Der Mann, bei dem ich die Mahlmühle baute, hatte 4 große Mädels. Er wollte mir eine von ihnen andrehen, ich bin aber nicht auf den Leim gegangen. Dieses ist mir dort sehr oft passiert. Diese Mädels sind scharf auf die Deutschen. Das ist ja eine ganz andere Rasse. Deshalb habe ich ein gewisses Abstandsgefühl bewahrt. Für einen jungen Menschen ist es ja keine leichte Aufgabe. Des Abends
erzählten die Leute allerlei Geschichten. Man sollte es nicht glauben,
wie abergläubisch diese Leute sind. Ich wußte viel von diesen
Geschichten (Gespenster), aber man vergißt sie, weil man eben nicht daran
glaubt. Religiös sind die Leute auch. Aber das schönste dabei ist, daß sie einen betrügen, wo sie bloß ankommen können. Sie arbeiten mit allen Schikanen. Wenn man
mit ihnen reist, sind sie sehr zuvorkommend, ja gastfreundlich. Ich habe
manche Reise mit ihnen gemacht und bin immer sehr gut mit ihnen fertig
geworden. Was diese Leute können, ist Lasso werfen und reiten, überhaupt
mit wildem Vieh umgehen. Eines Tages traf ich auf eine Truppe von 80 großen Schweinen. Etlichen von ihnen waren die Augenlieder zugenäht. Ich fragte die Leute, warum dies. Sie antworteten, daß die Schweine sehr böse wären, bissiger als ein scharfer Hund. Vorher haben sie die nicht treiben können. Jetzt gingen sie ganz gut, immer mit der Schnauze auf dem Boden, dem Geruch der anderen folgend. So etwas
hatte ich mein Lebtag nicht gesehen.
Sehr interessant ist auch Pferderennen. Es kommen Hunderte von Reitern zusammen, um zu wetten und dem Rennen beizuwohnen. Dies wird auf offener Straße gemacht. Haben die zwei Hauptpferde ausgelaufen, dann nehmen die meisten ihren Sattel herunter und das Rennen geht los. Es läuft alles was Beine hat, sogar Esel laufen mit. Da kann man sich schieflachen. Es wird oft
sehr hoch gewettet. Ich habe nie hoch gesetzt, weil ja allzuviel Schwindel
betrieben wurde, höchstens 5 bis 10 Milreis, weil ich viele von den
Leuten kannte. Ich habe oft gesehen, daß die Leute im Kartenspiel in
einer Nacht etlichen Kontos verspielt und gewonnen hatten. Etliche von
ihnen haben dabei Haus und Hof verspielt. Ich bin verschiedene Male
angesprochen worden mitzuspielen, habe aber nie mitgemacht, denn wenn man
nicht spielt, gewinnt man immer. Jetzt zur Sache: Als ich die Mahlmühle fertig hatte, sollte ein großes Fest gefeiert werden. Ich bin nicht solange geblieben, nahm 2 Esel als letzte Zahlung in Empfang. Ich sattelte einen davon, den anderen ließ ich da, um ihn bei Gelegenheit mitzunehmen. Ich war dann auch schnell an Ort und Stelle, der Esel ging sehr gut im Reiten. Eine Woche später kam ich da mal wieder durch, blieb eine Nacht dort, schickte mein Reitpferd abends vorher nach der Stadt, weil ich am nächsten Tag den Esel mitnehmen wollte. Morgens sattelte ich den Esel, verabschiedete mich und ritt fort. Die erste halbe Stunde ging der Esel ganz gut, wurde dann immer etwas langsamer. Wir kamen dann in einen kleinen Wald und mußten eine Brücke passieren, die ein kleines Loch hatte. Mein Esel stutzte und wollte nicht rüber. Ich stieg ab, um ihn rüber zu ziehen, aber er wollte nicht, das Loch war nur eine Hand groß. Es war nichts zu machen, weder im Guten noch im Bösen. Mir riß der Geduldsfaden, setzte mich wieder auf ihn und gab ihm die Sporen und die Peitsche, bis er dann wohl glaubte, jetzt mußt du doch. Es war ein Glück, daß die Sporen scharf und stark waren, sonst hätte ich ihn wohl nicht vom Fleck bekommen. Ich habe nie geglaubt, daß Esel so störrisch sein können. Eine halbe Stande ging es dann wieder so leidlich, dann mußte ich die Sporen wieder gebrauchen. Mit Hängen und Würgen kam ich dann zur Hauptstraße. Dort dachte ich, mit etlichen Reitern zusammen zu reiten. Es kamen dann auch 2 Reiter. Ich ritt dann mit ihnen. Eine
Zeitlang ging er mit, dann wurde es ihm zu schnell. Ich habe mich dann mit
ihm abgequält, zuletzt war ich ganz kaputt. Mitternacht kam ich nach
Hause. Ich hatte dreimal solange gebraucht als mit einem anderen Tier. Am
nächsten Tag taten mir sämtliche Knochen weh. Der Esel wurde noch am
selben Tag als Wagenesel verkauft. Etwas später habe ich einem Mann eine
Schneidemühle, mit Wasser betrieben, gebaut. Als die fertig war, ging es
wieder an die Tischlerei. Es war wieder viel Arbeit, es sollten etliche
Neubauten gemacht werden. Einige Zeit später war die Stadt eines Tages ohne Licht. Der Besitzer des Elektrizitätswerkes kam dann bei uns in die Tischlerei. Er erklärte uns, was vorgefallen war. Der Wasserkentel der aus Felsen abgesprengt war, war durch Frost abgerutscht. Er lag in 25 Meter Höhe. Es mußte ein provisorischer Holzkentel gebaut werden. Ich wurde von der Fabrik beauftragt, die Sache so schnell wie möglich in Ordnung zu bringen. Es kamen etliche Kutschen, mit denen wir gefahren wurden. Wir waren 10 Mann. Die 10 Km, die das elektrische Werk fort lag, hatten wir schnell zurückgelegt. Als wir dort hin kamen, sahen wir die Bescherung. Es mußte lange Pinienbäume als Unterlage dorthin geschafft werden. Das Wasser mußte abgeleitet werden und der Fluß war die Zeit übersehr wasserreich.
Es war eine gefährliche Arbeit. Es wohnten 2 Deutsche dort, die das Werk bedienten. Die haben uns bewirtet. Es gab sehr gutes Essen. Nur mit den Betten sah es schlecht aus. Wir gingen los und suchten uns Baummoos, davon machten wir uns Betten. Da dies nicht trocken war, wurde man nachts nicht warm. Wenn man etliche Stunden gelegen hatte, ist man nachts aufgestanden und hat sich ans Feuer gesetzt. Das Feuer durfte nie ausgehen, es saßen nachts immer welche dort. Es war ziemlich kalt, reifte jede Nacht. In einer Woche waren wir fertig und froh, daß wir wieder in einem vernünftigen Bett schlafen konnten. So kam eine
Arbeit nach der anderen. Nun arbeitete ich eine ganze Zeit in der Fabrik.
Bis eben vor Weihnachten wollte ich bleiben. Das Weihnachtsfest wollte ich
zu Hause erleben. Ich langte
in 6 Tagen zu Hause an, es gab ein frohes Wiedersehen, wir feierten unser
deutsches Weihnachtsfest. Zu Neujahr wollte ich wieder fort, aber meine
Mutter meinte, ich solle bis Neujahr bleiben. Ich blieb dann auch und
feierte Neujahr und am 2. Januar unseres Vaters Geburtstag. In den Tagen
wurde unsere Mutter schwer krank und starb am 7. Januar an unserem jüngsten
Bruders Geburtstag. Das war ein harter Schlag für uns. Unsere Schwester
Erika, 14 Jahre alt, mußte die Wirtschaft weiterführen. Es war nicht so
leicht für sie. Unser Vater hat ihr sehr zu Seite gestanden und dann ging
es soweit ganz gut. Nach kurzer Zeit kaufte ich mir dann einen Wagen, damit wir unsere Produkte selbst wegfahren konnten. Dann und wann fuhr ich auch etwas Fracht. Eines Tages fuhr ich eine Familie 25 Km weit fort. Der Weg war sehr schlecht und schmal. Unterwegs fiel mir ein Gaul über die Deichsel. Weil die Pferde sehr ruhig waren, passierte nichts. Eine Stunde später kippte ich mit der ganzen Karre um und flog etliche Meter die Baranke (?) runter, mir war außer etlichen Schrammen nichts passiert. Ich machte schnell meine Pferde los und brachte sie auf den Weg. Dann besah ich mir die ganze Bescherung, ich war natürlich ganz allein. Es war bei der Geschichte nur ein Tischbein gebrochen. Etwas später kamen 2 Reiter, sie konnten nicht vorbei. Sie halfen mir, den Wagen wieder aufzuladen. Dann langte
ich einer Stunde an. Ich bekam 18 Milreis. Den nächsten Tag fuhr ich mit
leerem Wagen wieder nach Hause. Den Weg bin ich etliche Jahre nicht
gefahren, es war zu gefährlich. Eine Zeit
später machte ich wieder einmal eine Reise, kam in den Ort Koridas. Dort
war eine Hängebrücke. Die war schon sehr zerfallen. Mit den Pferden
konnte man nicht darüber. Es waren schon etliche Meter große Löcher,
darauf lagen Bretter von 8 Zoll. Darüber mußte der Wagen mit der Hand
gezogen werden. Ich zog an der Deichsel und ein Mann, der mit mir fuhr,
schob hinten etwas nach. Da ein großer Buckel darin war, mußte ich gut
ziehen, daß man rüber kam und zog dann auch recht kräftig. Auf einmal
brach ich durch. Ich hielt mich an der Deichsel fest, sonst wäre ich 10 m
tief in den Fluß zwischen Steinen und Wasser abgestürzt. Ich erholte
mich ein wenig, bugsierte den Wagen über den Rest der Brücke. Es
passierte weiter nichts. Die Brücke war 40 m lang. Später wurde eine
Fuhrt durch den Fluß gemacht, das ging schon etwas besser, aber nicht
immer, denn wenn ein Gewitter kommt, steigen die Flüsse schnell. Es ist
lebensgefährlich durchzufahren, die Strömung ist sehr stark. Ich war etliche Jahre zu Hause. Ich habe Landarbeiten gemacht und bei Regenwetter Tischlerarbeiten. Die Bienenzucht habe ich mit einem Kasten angefangen. Dann hatte ich 50 Völker mit Rähmchen, die ich natürlich hauptsächlich bei Regenwetter gemacht habe. Nach kurzer Zeit heiratete mein jüngster Bruder. Seine Frau führte die Wirtschaft weiter. Unsere
Schwester wollte dann einige Zeit von zu Hause fort. Etliche Jahre darauf
starb dann auch unser lieber Vater am 5. Oktober 1930 nach 11tägiger
Krankheit. Ich blieb
bei meinem Bruder Ernst, bin aber oft fortgegangen und habe als Tischler
gearbeitet. Die letzten 3 Jahre habe ich hauptsächlich Landarbeit
gemacht, Rindvieh- und Pferdezucht sowie Bienenzucht betrieben. Die erste
Zeit gedieh das Rindvieh sehr gut. Mit einem Male bekam es die Pest und
wir verloren 13 Stück. In 4 - 5 Tagen war das Vieh so mager, daß man es
nicht wieder erkannte. Nicht nur wir, sondern auch andere haben sehr viel
Vieh verloren. Mit den Pferden ging es bis dahin gut, wir haben die ganzen
Jahre nur 2 Stück verloren. Eines Tages fuhr ich mit unseren Erzeugnissen nach dem 84 Km entfernten Ort Brusque. Es waren auch 6 Sack Kartoffeln dabei à Sack 50 Kg. Unterwegs hörte ich von Leuten, die von dort kamen, daß sie dort sehr billig wären und man sie wohl nicht los würde. Als ich an die 40 Km gefahren war, fuhr ich einen Berg runter. Mit einem Male brach die Deichsel. Da ich eine gute Bremse hatte, passierte zum Glück nichts. Dieses passierte beim Haus eines Schneidemüllers, er war Italiener. Er wollte mich nicht über Nacht behalten. Ich mußte wohl oder übel meinen Wagen abladen und mit meinen Pferden losziehen und Nachtquartier suchen, was ich nach einer Stunde fand. Bett war nicht vorhanden, nur der blanke Fußboden. Ich war froh, daß ich ein Dach über den Kopf hatte. Eßwaren gab es auch nicht, meine hatte ich im Wagen gelassen. Ich ging dann auch gleich los bei den Leuten, die dort wohnten, eine Deichsel zu suchen. Ich fand auch eine, die mußte noch bearbeitet werden. Ich besorgte mir Werkzeug und ging damit und den Pferden zu meinem Wagen. Dort machte ich die Deichsel fertig, es war eine Schinderei, zu Hause wäre es eine Kleinigkeit gewesen. Als ich fertig war, ging es weiter, und ich kam an ein kleines Geschäftshaus. Dort vertauschte ich 5 Sack Kartoffeln gegen einen Schimmel. Der sah doch nicht ganz gut aus. Ich dachte mir, den wirst du wohl auf eine Art los werden, wenn er nur 10 Km läuft.
Anmerkung von Horst Missfeldt:
Hier endet die Erzählung. Es fehlen noch 6 handgeschriebene Blätter, die
verloren gegangen sind.
Auskunft erteilt: Horst Missfeldt, Telefon 04504 - 1580 |