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Der Flieger Jochen Mißfeldt (1275).
„Das Fliegen mit den Titanvögeln“ Himmel und Erde sammeln: Diese unbestimmte Aufforderung eröffnet den zweiten Roman des Schriftstellers, studierten Musikwissenschaftlers und ehemaligen Fliegeroffiziers Jochen Missfeldt. Das Sammeln wird leidenschaftlich in dieser groß angelegten Geschichte mit ihren Nebengeschichten betrieben. Der 60‑Jährige erzählt die Geschichte des Gustav Hasse (den und dessen Vater seine Leser aus dem Roman Solsbüll von 1989 schon kennen), doch gleichzeitig die des Heinrich Zürndorfer. Die Oberfläche des Romans bildet die Fliegerei: Genauer gesagt die Jagdfliegerei in den 60er und 70er Jahren, noch genauer die Starfighterei, das Fliegen mit den Titanvögeln. Wir werden nach Arizona mitgenommen und erfahren Dinge, welche die deutschsprachige Literatur bislang nicht festzuhalten vermochte: Was erlebten Luftwaffenoffiziere bei der Ausbildung in den 60er Jahren in den Staaten, wie lebten und liebten sie, und was hat das alles mit Solsbüll in Angeln zu tun? Das mindeste, was die Fliegerei in Arizona mit Angeln und anderen Gegenden Europas, zum Beispiel Kreta, zu tun hat, ist die besessene Imkerei des Fliegerkameraden Siemsen. Von der Liebe zur warmen und weichen Roswitha ganz zu schweigen. Und was passiert mit Luftwaffenoffizieren wie Zürndorfer, der sich zwar aus einem abstürzenden Starfighter mit dem Fallschirm gerade noch retten kann, jedoch einen solchen Absturzschaden davonträgt, daß man ihn nur noch zum Hauptmann befördern und dann ehrenhaft in ein dauerdämmriges Zivilleben entlassen kann? Zürndorfer: Der eher altdeutsche Name ist Programm ‑ sein Träger wuchs in Kaisersaschern auf und dort kommt Adrian Leverkühn bzw. Dr. Thomas Mann Faust her. Kleiner Unterschied: Zürndorfer wurde in Angeln gezeugt ‑ seine Eltern sind Regina Klonhammer, Hauswirtschaftslehrling bei Harry C. und Lene Goldschmidt in Solsbüll im Sommer 1936, und Dr. Friedreich Emsieg, hinkender Rechtsanwalt und Notar in Solsbüll. Was zu einer Aufnahme von Regina, in ein Lebensbornheim der Nazis führt und zur Adoption ihres rassisch einwandfrei geborenen Jungen Heinrich durch das Ehepaar Zürndorfer. Das wäre alles noch soweit im Rahmen des leichthin wegzulesenden Romans, wären in diesen nicht auch die Nazizeit und ihre mittelbaren bis unmittelbaren Folgen hochartifiziell und intelligent hineingewoben. Daß z.B. in Schleswig‑Holstein die braune Soße schön eingekocht noch lange Jahre nach 1945 erhalten bleiben konnte, wird mit der Entnazifizierungsgeschichte jenes Emsieg gleich Schleppfuß gleich Mephisto gleich Deiwelkumpel deutlich. Jochen Missfeldt hat sich mit seinem zweiten Roman an große Themen gewagt ‑ und da er sich, wie jeder gute Schriftsteller, nicht das Erklimmen eines Berges, sondern dessen genaue Betrachtung aus Abstand und Nähe vorgenommen hat, ist das Wagnis geglückt. Schön für einen Schleswig‑Holsteinischen Schriftsteller, daß der renommierte neue Berliner Verlag von Alexander Fest diese Einsicht offenbar teilt. Im Himmel
spiegelt sich die Erde und wenn man Glück hat, spiegeln die Wasser der
Erde den Himmel. Manchmal hat ein Schriftsteller auch Glück ‑ das dem
Tapferen zufällt, Wenn er sich den Dingen auf der Erde angemessen nähert.
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